Archiv für Juli 2009

Schon gewechselt? Episode 002

Sie waren wieder da – die Männer von der Strommafia.

Ganz nett sind sie ja. Sichtbar mit Migrationshintergrund, deshalb umso erfreulicher, überraschender und faszinierender für den unbedarften Wohnungstüröffner, wenn sie besseres Deutsch sprechen als man/frau selbst. Die Masche funktioniert bestimmt in 7 von 10 Fällen, gerade bei leicht verwirrbaren älteren Leutchen, die die CSED (also CDU und SPD) noch für wählbar halten, das Programm von ZDF noch für anspruchsvoll und die Tagesschau für neutrale, wertungsfreie Nachrichten.

Ein netter Mann, etwa 1,83m, Hornbrille, maghrebianisch wirkend, kam also irgendwann auch an meine Tür. Da er vorher NICHT unten an der Haustür geklingelt, sich vorgestellt und sein Anliegen dargelegt hatte, oder gar mit mir rückversichert hatte, ob ein Gespräch über den Wechsel des Stromanbieters gewünscht sei, hatte ich alles Recht auf meiner Seite, in absentia des Vermieters für diesen Stellvertretend das Hausrecht auszuüben und ihn achtkantig rauszuschmeißen. Aber so bin ich nun mal nicht…

Anstattdessen verwickle ich ihn in ein kurzes informatives Gespräch. Das heißt, ich habe ihn informiert, zum Beispiel…
– darüber, wie schädlich eigentlich die Konglomerierung der Stromversorgung im Würgegriff der Großkonzerne ist, wie Effizienz, Nachhaltigkeit und Verbrauchernähe dabei flöten gehen
– dass kommunale, in öffentlicher Hand befindliche Unternehmen ohnehin moralisch überlegen sind und
– dass ich verdammt stolz bin, bei der öffentlichen Abstimmung gegen die Privatisierung jedweder Einrichtungen der Daseinsvorsorge in der Stadt Leipzig – und damit auch gegen die Zerfleischung der Stadtwerke durch die Wölfe Gazprom und Gaz de France – gestimmt zu haben.

Er schien dabei etwas nachdenklich – als hätte er den (?Gesprächsleit-) Faden verloren. Er meinte, er müsse weiter, wünschte mir einen schönen Tag (und freundlich ist er! Angesichts dessen allein wechseln doch schon 3 von 10 Leuten der Generation 50+ den Anbieter…!) und ich ihm viel Glück, trotz allem.

Monate vergingen unbehelligt, abgesehen von einem Zwischenfall.

Es klingelt und ein bekannter Maghrebianer steht vor der Tür. Der Anzug ist neu, das Hemd noch sichtlich gestärkt von der Fabrik, in der es vernäht wurde. Mir wird klar, dass die Stromkonzerne verzweifelt sein müssen, denn er ist nicht allein! Neben ihm, im gleichermaßen neuen und erstmals getragenen Anzug ein schmaler Junge von vielleicht 18 Jahren, handbreiter kurzgeschnittener Iro, grüne Krawatte (wie passend, wenn es um Strom geht – Greenwash ist überall).

Die gleiche Leier, die ich schon kenne, wird erneut angeschlagen. Bis er merkt, „nein warte – bei Ihnen war ich ja schon“ und sich ein Zug des Schreckens über sein Gesicht legt, nur um gleich wieder zu verschwinden – der Azubi darf nicht merken, wo er da eigentlich reingeraten ist. Da zieht meine Mitbewohnerin neben mir auf wie ein Unwetter und spricht den beiden einen deutlichen Hausverweis aus, nach dem wir die Tür schließen.

Kurzer Austausch:
„Frechheit. Immer derselbe Quatsch.“
„Der war schon mal da.“
„Trotzdem Frechheit. Normal müssten die jetzt gehen.“

Durch die Tür bemerken wir, wie die zwei Gestalten bei den anderen beiden Wohnungen in unserem Stockwerk simultan klingeln – keine Anstalten, dem Hausverweis zu folgen. Tür auf.

„Haben Sie nicht verstanden? Bitte verlassen Sie das Haus!“ Sie gehen die Treppe hinauf. Wir folgen und ich packe mein Callcenter-optimiertes Schwurbeldeutsch aus. Ich lege ihnen erneut ans Herz, das Haus zu verlassen, das BGB sei da eindeutig.
„Im Namen des Vermieters…“ yadda-bla-blubb.
Unglaublich: Die beiden wirken verunsicherter.
„Ich weiß ja, dass Sie unter einem enormen Verkaufsdruck stehen. Aber wieso brechen Sie Gesetze und die guten Sitten, um Ihre Ziele zu erreichen?“ Verdutzte Blicke vom Azubi zum Maghrebianer.
„Ich habe ja Verständnis für Eure Situation [und das stimmt 100%-ig…!], aber ich möchte Euch nahelegen, nachdem Ihr das Haus verlassen habt, sucht Euch nen ehrlichen Job. Ich vertraue darauf, dass Ihr dem jetzt nachkommt.“

Wenig später waren sie fort. Aus dem Fenster sah ich noch, wie der Maghrebianer dem Azubi etwas erklärt, einen Schritt voraus, auf dem Weg zur nächsten Adresse, die in dieser Gegend auf ihrer Liste stand. Wie akquirieren die eigentlich ihre Adressen? Gehen die gezielt in Häuser, wo bekannt ist, dass so-und-so-viel Prozent noch Kunden bei einem demokratisch kontrollierten Stromanbieter (also den Stadtwerken) sind? Wenn ja, wer leakt da unsere Daten?

Fragen über Fragen.

Wer jetzt noch wechselt, ist selber Schuld.

In der Krise verspricht jeder Konzern den Schäfchen das grünere G(r)as.

Strom kann nicht besser oder schlechter sein – jeder, der mal in einer Physikstunde saß, weiß das.




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